Von Bürgerkirchen und Spukhäusern
- vor 22 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Ist im Zusammenhang mit einer Region von Gebäuden die Rede, denken die meisten Menschen zunächst an touristische Attraktionen wie Sakralbauten oder Herrschaftssitze. Doch sie können auch das ganze Spektrum von Kultur, Geschichte und Ökonomie repräsentieren. Dies zeigten die Internationalen Kulturtage Mare Balticum 2025 in Darmstadt auf unter dem Titel „Zwischen dir und dem Erzhimmel nur hundert Etagen“ – Baltische Bauten.
Das im Zusammenhang mit deutschbaltischer Kultur wohl bekannteste Bauwerk außerhalb des Baltikums ist „Das fressende Haus“ des Dichters und Autors Siegfried von Vegesack in

Foto: Friederike von Boetticher
Weißenstein in der Oberpfalz. Der Schriftsteller erwarb das Gebäude, das als einziger Teil der Burg nie zerstört wurde, aber heruntergekommen war, 1918 und machte es zu seiner Dichterheimat. In dem „Turm“ mit „vierundsiebzig Bierseideln, sechs steinernen Kanonenkugeln und einem ungeheuren runden Tisch" richtete er es sich „gemütlich“ ein. Er steckte viel Geld und Mühe in den Kasten und nennt ihn wegen des Aufwandes für die Instandsetzung „Das fressende Haus“. Die Bezeichnung blieb. Nichten und Neffen verbrachten dort ihre Ferien und die aus dem Baltikum vertriebenen Verwandten. Für alle wurde Platz geschaffen im fünfstöckigen Turm, wie Barbara von Schnurbein, Vorsitzende des Fördervereins „Rettet das fressende Haus“ schilderte. Alle Zimmer im Turm hatten Namen, „Afrika“ und „Sibirien“, „Hölle“, „Paradies“ und die immer warme „Kochkiste“, wo der Kamin durchging. 1983 wird der Burgkasten Museum.
Das bekannteste Bauwerk im Baltikum ist sicher die Rigaer Petrikirche. Sie sei die wichtigste Bürgerkirche in Livland, so der Architekturgeschichtler Professor Christofer Herrmann (Gemünden/Wohra), der sich vorrangig mit dem Staat des Deutschen Ordens befasst. Interessante Einblicke in eine Baustelle des Mittelalters gibt ein Rechnungsbuch von 1408/1409. So erfährt man von Verpflegung und Entlohnung der etwa 30 bis 35 Handwerker und Hilfsarbeiter, die den Chor errichteten. Täglich wurden 184 Ziegelsteine vermauert. Der Bau wurde hauptsächlich aus Spenden der Bürger finanziert. Für die Errichtung des Landhauses benötigte man zehn Jahre, für den Westturm 25 Jahre. Die Petrikirche, deren Vorbild die Marienkirche in Rostock war, gilt als verspäteter traditioneller Bau.
Ein siebenstöckiger moderner Bau ist das 2006 eingeweihte Kunstmuseum KUMU in Tallinn/Reval. Es umfasst die größte Sammlung estnischer Kunstwerke, hob Dr. Kadi Polli, Leiterin des KUMU hervor. Das Museum zeigt neben Wechselausstellungen eine ständige Ausstellung mit estnischen Ausprägungen der wesentlichen europäischen Kunstepochen der Neuzeit. Damit bietet es eine bemerkenswerte und umfangreiche Darstellung baltischer Kunst. Auch die deutschbaltische Kunstgeschichte Estlands werde beschrieben und die Verflechtungen zur estnischen Kunst gezeigt, berichtete Polli. Auch die Deutsch-Baltische Gesellschaft hat dem KUMU Gemälde gestiftet.
Bauen zur Vernichtung von Menschen. Das war die Aufgabe von Ernst Hemicker, dessen Enkel Lorenz von seiner Spurensuche nach dem Großvater berichtete. Der Großvater, 1896 in Kierspe in Nordrhein-Westfalen geboren, war Mitglied der NSDAP und der SS. Ende 1941 wurden im Wald von Rumbula bei Riga 27.000 Juden ermordet. Hemicker nutzte seine Kenntnisse als Bauingenieur, um den Bau der Rampen und die Größe der Gruben so zu berechnen, dass die Erschießungen möglichst schnell und „effektiv“ verliefen. Die russischen Kriegsgefangenen mussten die Gruben im Winter mit bloßen Händen ausgraben, erzählte der Enkel. Vom Großvater habe e später nur die üblichen Ausreden gegeben. Gegen Ernst Hemicker wurde ein Verfahren eröffnet, zum Prozess kam es nicht mehr, da er bereits todkrank war und 1978 starb. Der Enkel musste die Spurensuche alleine durchführen, denn sein Vater, der unter der Schuld seines Vaters Ernst Hemicker seelisch litt, starb kurz vor einer Reise nach Riga.
Estland ist der einzige Staat der EU, der Ölschiefer ununterbrochen großindustriell nutzt. Es hat etwa den Brennwert von Braunkohle. Zwar enthält Ölschiefer wenig Wasser und Schwefel, aber Estland habe der EU versprochen, die Produktion aus Umweltgründen einzustellen, erläuterte Dr. Erik Tammiksaar, Geograph und Wissenschaftshistoriker an der Universität Tartu/Dorpat. Schon 1791 erschien in St. Petersburg in deutscher Sprache eine Abhandlung „von einer feuerführenden Erde aus der Revalschen Stadthalterschaft“ (Georgi 1791). 1897 gab es beim Dorf Kuckers/Kukruse erstmals öffentliche Vorführungen der Brennbarkeit. 1917 begann der Tagebau des nach dem Dorf benannten Kukursit. 1924 entstand eine große Schieferölanlage. Dort wurden auch Experten aus Deutschland beschäftigt, deren Know-How die Esten benötigten. Adolf Hitler schloss nach der Machtergreifung einen Vertrag mit Estland über die Lieferung von Kukursit, weil er von „feindlichem Öl“ wegkommen wollte.
Das Für und Wider von Originalrekonstruktionen erläuterte Dr. Andreas Fülberth (Leipzig) anhand von Beispielen in Narwa und Tartu. Narwa war zu Ende des Zweiten Weltkriegs zu 97 Prozent zerstört. Der Wiederaufbau der Herrmannsfeste dauerte bis 1984. Auch das Rathaus entstand wieder. Allerdings erhielt dieser Neubau eine andere Fassade. In Tartu verzichtete man darauf, die historische Brücke über den Embach wiederherzustellen. Dafür baute man die historische Fassade des heutigen College-Gebäudes der Universität wieder auf, allerdings mit einem modernen überdimensioniert erscheinenden Schrägdach.
Ein bisschen gespenstisch mag es den Zuhörern im abgedunkelten Raum der alten Villa Baltenhaus in Darmstadt vorgekommen sein bei der Lesung von Matthias Knoll (Berlin/Riga) und Liese Lyon (Frankfurt/Main). Sie trugen eine Textcollage über okkulte Orte und Erscheinungen vor, die Andreas Hansen, Bundesvorsitzender der Deutsch-Baltischen Gesellschaft, zusammengetragen hatte. In den Texten wird etwa diskutiert, welches der gruseligste Ort im Baltikum sei. Im Stadtteil Karosta von Liepaja/Libau werde man von Poltergeistern verprügelt, wenn man kein russisch spreche. Aberglaube sei weit verbreitet. In Lettland bringt es Glück, wenn man von einer weißen Katze träumt, und Unglück, neue Schuhe auf den Tisch zu legen. In Estland und Litauen wird im Haus nicht gepfiffen – es könnte sonst abbrennen. Auch begrüßt man sich nicht auf der Türschwelle, sonst gibt es Streit.
Im Soerensenschen Haus in Baltischport/Paldiski erzählten Gäste, dass nachts ein Mann ihr Zimmer betreten haben, sich an den Schreibtisch setzte, Papier um Papier beschrieb und es wieder zerriss. Im Morgengrauen verschwand der Mann und auch die Papiere. Im Sommer 1919 war Baronin Stackelberg zu Gast in Waest/Väätsa bei Weißenstein/Paide. Nachts sprang die Türe ihres Zimmers auf und der vor Jahren verstorbene treue Hausdiener Hans trat ein. Die Baronin schlug das Kreuz und betete, und die Gestalt verschwand. Als ein orthodoxer Priester einige Seelenmessen für Hans gelesen hatte, soll er seinen Frieden gefunden und nicht mehr gespukt haben.




Kommentare